Ein Kinderwagen auf einem Gehweg, im Hintergrund unscharfer Herbstmorgen

31. Januar 2024

Was sich verändert, wenn ein Mann Vater wird

Ein Mann, Ende dreißig, zurück aus dem Krankenhaus. Er steht in der Küche, in der Hand einen Schraubenschlüssel, und versucht ein Babyphone an der Wand zu befestigen. Das Gerät will dort nicht hängen, und er fängt, zum ersten Mal in seinem Erwachsenenleben, an zu weinen, weil ein Stück Plastik ihm nicht gehorcht. Seine Frau schläft oben. Das Kind atmet in einem Bett, das er gestern aufgebaut hat. Er weiß nicht, warum er weint. Später wird er verstehen: Er hat sich heute mit etwas konfrontiert gesehen, für das er keine Vorlage hatte.

Die Geburt einer Frau als Mutter ist eine öffentliche Sache. Die Geburt eines Mannes als Vater ist eine leise. Meistens fehlt sogar das Wort dafür.

Der unsichtbare Übergang

Vieles am Vaterwerden passiert, ohne dass es im Körper geschähe. Es passiert in einem Kopf, in einer Biografie, in einem Selbstbild. Bis vor wenigen Tagen war man der Sohn von jemandem. Ab heute ist jemand der Sohn oder die Tochter von einem. Diese Umkehrung ist schlicht und trifft tief. Sie kommt nicht sofort an, sondern in den Wochen danach, in den Momenten, in denen man das eigene Kind anschaut und plötzlich an den eigenen Vater denkt.

An das, was der konnte. An das, was der nicht konnte. An das, was man ihm nachträgt, ohne es je ausgesprochen zu haben. Viele Männer stoßen in den ersten Monaten ihrer Vaterschaft auf eine alte Tür, hinter der ihr eigener Vater sitzt. Ob sie die Tür aufmachen oder nicht, verändert, was für ein Vater sie selbst werden.

Eine andere Art Müdigkeit

Männer beschreiben die ersten Jahre mit Kind oft mit einem Satz, der seltsam klingt: Sie seien nicht nur müde. Sie seien auch unsicher. Etwas, das sie lange nicht waren. Im Beruf wissen sie, wo sie stehen. Im Umgang mit Freunden haben sie feste Rollen. Vor dem Säugling, der nichts sagt, werden sie plötzlich zu Anfängern.

Diese Anfängerschaft ist ungewohnt. Manche reagieren darauf, indem sie sich in die Arbeit vertiefen. Das Kind bleibt dann ein Gebiet der Frau, und die Frau merkt das, und das wird ein Thema für viele Jahre. Andere reagieren, indem sie sich hineinstürzen und dabei übersehen, dass auch die Mutter Raum braucht, und dass Vaterschaft nicht heißt, die Mutter zu verdrängen.

Das Missverständnis vom Helfer

Ein halbes Jahrhundert lang galt der Vater als Helfer. Er brachte das Kind ins Bett, wenn sie es wollte. Er machte am Wochenende, was sie ihm auftrug. Das war ein Fortschritt gegenüber dem, was davor war, aber es war kein Ende. Weil der Helfer nie ganz eigener Akteur ist.

Wer selbst Vater sein will, nicht Helfer, muss eigene Zuständigkeiten übernehmen, nicht nur Aufgaben. Er muss wissen, welche Größe das Kind gerade trägt, wann der nächste Arzttermin ist, welches Buch es abends lesen lassen will. Das klingt trivial. Es ist es nicht. Denn in diesem Wissen liegt die Frage, ob dieses Kind einen zweiten Erwachsenen hat, der mitdenkt, oder einen zweiten Erwachsenen, der reagiert.

Was später bleibt

Viele Männer berichten, dass die ersten Jahre der Vaterschaft die zweite große Umformung ihres Lebens waren. Die erste war das Erwachsenwerden mit neunzehn, zwanzig, das Verlassen des Elternhauses. Die zweite, weniger sichtbar, ist das, was sie Vater genannt haben, ohne zu wissen, was es bedeutet.

Es verändert ihre Ehe. Sie sehen ihre Partnerin neu, manchmal mit Bewunderung, manchmal mit einer Distanz, die sie nicht verstehen. Es verändert ihr Verhältnis zur eigenen Kindheit. Es verändert, wie sie auf andere Männer schauen, auf andere Väter, auf den eigenen. Und es verändert, was sie für wichtig halten. Nicht sofort, aber auf die Dauer.

In der Küche ist der Mann mit dem Schraubenschlüssel inzwischen mit dem Babyphone fertig. Es hängt schief, aber es hängt. Er geht nach oben und setzt sich auf die Bettkante. Das Kind schläft. Seine Frau öffnet kurz die Augen, sieht ihn, schläft weiter. Er bleibt sitzen und weiß nicht, was das alles heißt. Vielleicht wird er es in zehn Jahren wissen. Vielleicht auch nicht.