19. Februar 2024
Neu verliebt — in den alten Partner
Auf einem Bahnsteig in Mainz, zwischen zwei Gleisen, steht eine Frau und wartet. Sie ist geschäftlich hier, drei Tage lang, und hat gerade ihren Mann angerufen. Er sagt etwas Nebenbeiliegendes, irgendetwas mit dem Auto, das zum Reifenwechsel muss. Und während er das sagt, mit dieser Stimme, die sie seit zwanzig Jahren hört, bemerkt sie plötzlich, dass sie ihn vermisst. Nicht auf die gewohnte Art. Anders. Wie früher.
Das passiert manchmal. Es wird selten erzählt, weil es sich schwer einordnen lässt. Es klingt peinlich, fast kitschig, diese Idee, man könne sich in den eigenen Mann neu verlieben, nach Jahren, nach Kindern, nach allem, was zwischen ihnen gewesen und eingeschlafen ist.
Warum das selten geplant geht
Paare, die spüren, dass etwas eingeschlafen ist, versuchen oft, es zu wecken. Sie buchen ein Wochenende, sie reden sich gut zu, sie entscheiden sich, „wieder Zeit füreinander zu haben". Meistens fühlt sich das danach angestrengt an. Das, was sie eigentlich suchen, lässt sich nicht herstellen, indem man es in den Kalender schreibt.
Der seltsame Umweg ist: Das Gefühl kommt, wenn es ungefragt kommt. In einem Moment, in dem der Blick auf den anderen aus einer anderen Entfernung kommt als gewöhnlich. Auf einem Bahnsteig. Bei einem Elterngespräch, bei dem er plötzlich etwas über die Tochter sagt, das sie so noch nie gehört hat. Beim Einräumen der Spülmaschine, wenn er die Tassen in einer Reihenfolge stellt, die ihr zehn Jahre lang nicht aufgefallen ist.
Was sich verschiebt
In solchen Momenten verschiebt sich etwas, das der Alltag unsichtbar macht. Der alte Partner wird wieder zu einem anderen Menschen. Nicht zu einem Fremden. Zu jemandem, der mehr ist als die Summe seiner Routinen.
Man könnte sagen, Liebe zwischen zwei Menschen, die lange zusammen sind, braucht diese kleinen Risse in der Wahrnehmung. Sonst sieht man einander nur noch als Funktion. Die, die die Post holt. Der, der am Sonntag den Müll rausbringt. Das ist nicht böse, aber es ist dünn. Unter der Funktion liegt ein Mensch, und dieser Mensch kommt manchmal nur deshalb zum Vorschein, weil man zufällig aus einer neuen Entfernung auf ihn schaut.
Was Paare übersehen
Viele Paare denken, das Neue müsse von außen kommen. Eine Reise, ein anderer Ort, ein neues Umfeld. Manchmal hilft das. Häufiger aber kommt das Neue von innen: aus einer Aufmerksamkeit, die längst verschüttet war und für einen Moment wieder da ist.
Das lässt sich schlecht lehren. Es lässt sich vielleicht nur nicht behindern. Wer jeden Sonntagabend sofort mit der Frage einsteigt, wer am Montag die Kinder fährt, schließt die kleinen Türen, durch die so ein Moment hereinkommen kann. Wer gelegentlich eine Frage stellt, deren Antwort er nicht schon zu kennen glaubt, lässt sie offen.
Die Frage, die man einander nicht stellt
Manchmal lohnt es sich zu fragen: Wann habe ich ihn zuletzt wirklich angesehen? Nicht registriert, nicht überflogen. Angesehen. So, wie man jemanden ansieht, den man zum ersten Mal trifft, obwohl man ihn seit zwanzig Jahren kennt.
Das ist keine Übung, die man abhaken kann. Es ist eher eine Frage, die man sich einmal stellt und dann wieder vergisst, bis sie von selbst antwortet, irgendwann, auf einem Bahnsteig in Mainz.
Die Frau auf dem Bahnsteig sagt am Telefon nichts von dem, was sie in diesem Moment fühlt. Das wäre zu groß. Sie sagt nur, dass sie morgen Abend zurückkommt. Er sagt, er werde an die Tür denken, damit sie abgeschlossen sei, wenn sie schlafen gehen. Das ist, was sie einander sagen. Das andere bleibt dazwischen, ungesagt und gerade deshalb zu spüren.
