Ein gedeckter Tisch für zwei, draußen dunkelt es, eine Kerze ist noch nicht angezündet

25. Oktober 2023

Erwartung als Falle

An einem Geburtstag in einem Restaurant in der Münchner Innenstadt sitzt eine Frau und wartet. Sie wird ihn gleich fragen, ob er das Geschenk im Auto liegen lassen hat. Sie fragt das nicht böse, sie fragt es freundlich. Aber sie weiß schon die Antwort. Er hat keines. Er hat an den Restaurantbesuch gedacht, an den Tisch am Fenster, an den Wein, den sie mag. Das Geschenk ist ihm durchgerutscht. Er merkt es, als sie fragt. Er sagt etwas, was wie eine Erklärung klingen soll, und sie lächelt, und der Abend ist nicht kaputt, aber auch nicht ganz hergestellt.

So oder ähnlich gehen viele Abende in Beziehungen aus. Nicht wegen der vergessenen Sache. Wegen der nicht gesprochenen Erwartung.

Was Erwartung tut

Erwartungen sind keine schlechten Dinge. Sie sind das Gegenteil von Gleichgültigkeit. Wer etwas erwartet, hat etwas zu geben und etwas zu bekommen im Sinn. Wer gar nichts erwartet, hat meistens auch schon etwas aufgegeben.

Aber Erwartungen haben eine Eigenart: Sie werden oft nicht ausgesprochen. Manchmal, weil es peinlich wäre. Manchmal, weil man sich sagt, der andere müsse das doch selber wissen. Manchmal, weil man selbst nicht ganz sagen kann, was man eigentlich erwartet.

Aus dieser Lücke zwischen unausgesprochener Erwartung und tatsächlichem Verhalten entsteht der meiste Alltagsärger in langen Beziehungen. Der Mann im Restaurant hat nicht vergessen, ihr Freude zu machen. Er hat vergessen, dass „Freude machen" in ihrer Sprache ein Geschenk einschließt, nicht nur einen Tisch.

Die stille Erwartung

Die gefährlichste Erwartung ist die, die man sich selbst nicht zugibt. Jemand, der sagt: Ich erwarte gar nichts von dir, meint das fast nie wirklich. Er meint meistens: Ich erwarte etwas, aber ich mag es nicht aussprechen, weil ich es dann rechtfertigen müsste.

In langen Beziehungen sammelt sich davon viel an. Kleine Erwartungen, die nie jemand formuliert hat, und große Enttäuschungen, die aus diesen kleinen ungesagten Erwartungen entstehen. Die Tragik ist, dass der andere meist überrascht ist, wenn er von der Enttäuschung erfährt. Er hat ja nichts gewusst. Er hatte gar keine Chance, der Erwartung gerecht zu werden. Und trotzdem sitzt er jetzt schuldig am Tisch.

Der andere Fehler

Gleichzeitig gibt es den umgekehrten Fall. Paare, die aus Angst vor Enttäuschung beschlossen haben, möglichst nichts mehr zu erwarten. Sie ziehen die Erwartungen ein wie ein Dach bei schönem Wetter, und merken erst später, dass es auch die Wärme ein wenig herausgenommen hat.

Wer nichts mehr erwartet, schützt sich davor, enttäuscht zu werden. Aber er nimmt dem anderen damit auch die Möglichkeit, ihn zu überraschen. Denn überraschen kann man nur im Verhältnis zu einer Erwartung. Wo nichts erwartet wird, ist auch nichts zu treffen.

Das wirkt am Anfang erwachsen und gelassen. Nach ein paar Jahren wirkt es nur noch leise. Als hätte jemand die Farben leicht herunterreguliert.

Das Maß, das man sucht

Zwischen diesen beiden Polen versuchen viele Paare, ein Maß zu finden. Es gibt kein Rezept dafür, aber es gibt ein paar Richtungen.

Zum einen: Erwartungen aussprechen, bevor sie zu Enttäuschungen werden. Das ist unromantisch. Es fühlt sich an, als würde man den Zauber zerstören. In Wahrheit zerstört nicht die ausgesprochene Erwartung den Zauber. Die unausgesprochene tut das, und zwar später.

Zum anderen: Erwartungen prüfen, bevor man sie aufstellt. Manche Erwartungen haben mit dem anderen wenig zu tun. Sie kommen aus Filmen, aus dem eigenen Elternhaus, aus einer Ex-Beziehung. Wer so eine Erwartung an seinen heutigen Partner richtet, erwartet von ihm, dass er die Rolle eines anderen übernimmt. Das geht fast nie gut.

Was bleibt

In vielen Beziehungen gibt es einen Moment, in dem beide anfangen, die Erwartungen leiser und ehrlicher zu machen. Sie merken, dass ein großer Geburtstagszauber mit fünfzig nicht mehr dasselbe ist wie mit dreißig. Dass es kleinere Dinge sind, die mehr wiegen. Eine Hand auf dem Rücken beim Abschied in der Früh. Ein Anruf mittags, einfach so.

Die Frau im Restaurant lässt die Sache mit dem Geschenk liegen. Sie lässt sich das Essen kommen. Am Ende des Abends sagt er, er habe sich gut gefühlt mit ihr am Tisch, und sie glaubt ihm. Sie sagt nichts Großes zurück. Aber sie weiß, dass sie morgen mit ihm reden wird, über die Sache, über ihre Erwartung, ruhig, nicht spitz. Nicht, weil sie ihm etwas beweisen muss. Weil sie das nächste Mal nicht wieder nur freundlich lächeln möchte.