13. Juni 2024
Sprachlos bei Gefühlen
Ein Mann, Anfang fünfzig, steht in seiner Garage. Er ist vor zwei Stunden aus dem Krankenhaus zurückgekommen, in dem sein Vater liegt. Er hat dort wenig gesagt. Er hat die Hand des Vaters gehalten, er hat mit der Schwester kurz über eine Untersuchung gesprochen, er ist dann gegangen. Jetzt steht er vor dem Werkzeugschrank und legt einen Schraubenschlüssel weg, den er vorhin nicht weggelegt hat. Seine Frau kommt in die Garage und fragt, wie es gewesen sei. Er sagt: Ging so. Sie nickt, wartet einen Moment, wartet dann noch einen. Er sagt nichts weiter.
In solchen Szenen entsteht oft der Vorwurf: Du redest nicht mit mir. Und oft stimmt das. Aber es stimmt selten so, wie es gemeint ist.
Ein Wortschatz, der nicht gelernt wurde
Viele Menschen, häufiger Männer, aber nicht nur Männer, sind in Familien aufgewachsen, in denen über Gefühle nicht gesprochen wurde. Nicht aus Bosheit. Nicht einmal aus Kälte. Oft aus der schlichten Tatsache, dass es keine Wörter gab. Die Eltern sprachen nicht darüber, die Großeltern noch weniger. Es gab Worte für Werkzeuge, Worte für Wegstrecken, Worte für Wetter. Für das, was im Innern geschah, gab es allenfalls Das macht man nicht oder Jetzt reiß dich mal zusammen.
Ein solcher Mensch, jetzt fünfzig Jahre alt, steht abends in seiner Küche, wenn die Frau fragt, was er fühle, und merkt: Er weiß es nicht. Nicht, weil er nichts fühlt. Sondern weil er die Wörter dafür nie gelernt hat.
Was dabei aussieht wie Abwehr
Für den Partner, der fragt, sieht das oft aus wie Abwehr. Wie Unwillen. Wie Mauer. In Wirklichkeit ist es häufig etwas anderes: ein Mensch, der nach einer Vokabel sucht, die nie in seinem Haus gesprochen wurde. Das dauert länger als eine Sekunde, und das Gespräch, das eine Antwort erwartet, wartet selten so lange, wie es bräuchte.
Wer diesen Unterschied einmal wahrnimmt, hört solche Abende anders. Er hört nicht mehr: Er will nicht mit mir reden. Er hört: Er sucht gerade. Und er wartet anders. Nicht ungeduldig, nicht vorwurfsvoll. Einfach: er wartet.
Gefühle kommen selten in Gefühlswörtern
Eine Nebenentdeckung ist wichtig. Menschen, die keinen Zugang zu einem Gefühlsvokabular haben, reden trotzdem über Gefühle. Nur anders. Ein Mann, dem es schlecht geht, sagt selten Ich bin traurig. Er sagt: Der Zaun ist jetzt doch schon wieder krumm. Oder: Weiß nicht, das Auto zieht nach links. Wer auf den Satz hört, hört auch den Boden, aus dem er gesprochen wird. In solchen Momenten steckt die ganze Traurigkeit in einem schiefen Gartenzaun.
Eine Frau, die sich alleingelassen fühlt, sagt nicht immer Ich fühle mich einsam. Manchmal sagt sie: Im Tiefkühlfach ist nur noch dieses eine Brot. Es ist dieselbe Sache, nur in einer anderen Sprache. Paare, die aus zwei verschiedenen Sprachwelten kommen, müssen einander erst einmal die Sprache des anderen beibringen, bevor sie hören können, was tatsächlich gesagt wurde.
Ein leiser Übungsraum
Manche Paare kommen damit zurecht, indem sie kleine Übungsräume schaffen. Ohne Programm. Ohne Regel. Ein langer Weg durch den Wald, an dem niemand Augenkontakt braucht. Eine Autofahrt auf der A7 Richtung Norden, bei der nur die Straße vor einem steht und niemand erwartet, dass man sich dabei ansieht. Solche Seitenansichten erleichtern das Sprechen.
Was zuerst oft kommt, sind nicht die großen Wörter. Es kommen kleine Sätze. Der Tag war heute viel zu voll. Ich weiß gar nicht, wieso ich so müde bin. Der Vater im Krankenhaus sieht aus wie der Großvater damals. Das sind keine Gefühlswörter. Aber sie stehen neben einem Gefühl, dicht genug, dass der andere es riechen kann.
Was die Zuhörerin oder der Zuhörer tun kann
In solchen Sätzen gibt es eine kleine Aufgabe. Sie besteht nicht darin, die fehlenden Gefühlswörter für den anderen nachzuliefern. Sätze wie Du meinst bestimmt, dass du traurig bist haben selten einen guten Effekt, weil sie dem anderen die Arbeit abnehmen, die er selber tun müsste, und ihn gleichzeitig ein wenig bloßstellen.
Nützlicher ist ein kurzes, ernsthaftes Anwesendsein. Ein Erzähl nochmal. Ein Wie war das im Zimmer? Ein schlichtes Weitergehen, aber Seite an Seite. Dann finden die Wörter sich oft von allein. Nicht vollständig, nicht literarisch. Aber genug, dass zwei Menschen spüren, dass sie gerade denselben Wald gehen.
Noch einmal die Garage
Wer dem Mann am Werkzeugschrank länger zuschaut, sieht manchmal, wie er den Schraubenschlüssel, nachdem seine Frau schon gegangen ist, wieder zurückholt und ein zweites Mal an denselben Platz legt. Das ist dann kein Handwerk mehr. Das ist der Körper, der das tut, was die Worte nicht tun konnten.
Manchmal ist es hilfreich, solche Szenen zu sehen und sich nicht über sie zu ärgern. Sie sind keine Mauer. Sie sind eine Sprache, die man lange nicht mehr gehört hat, weil man sie für ein Schweigen gehalten hat.
